08.März 2012, 13.00

Vernissage – Inge Jastram Grafik
in den Grünen Salons


Fließtext vvvvvvv

Marion Magas



Hiddensee – Inselgeschichten aus einer anderen Zeit

erzählt Geschichten aus einem Land, das es so nicht mehr gibt.
Ähnliches ist auch in “Hiddensee – Versteckte Insel im verschwundenen Land” zu lesen, dem Vorgänger des Buches, das Sie gerade in den Händen halten. Während dort die siebziger und achtziger Jahre ins Zentrum gerückt sind, ist hier nun der Bogen ein wenig weiter gespannt.
Die Erlebnisberichte beginnen in den vierziger Jahren. Es gibt bisher Unbekanntes aus den Fünfzigern und Sechzigern zu lesen und auch die Siebziger und Achtziger sind wieder mit Geschichten vertreten. Viele von ihnen lassen schmunzeln, weil Absurdes liebevoll berichtet wird. Könnten Sie sich vorstellen, eine Diplomprüfung am Strand abzulegen, vor der Sandburg eines Professors? Oder mußten Sie schon mal auf der Flucht vor der im Sperrgebiet eingesetzten Amtsperson aus Ihrem Urlaubsquartier in die Büsche flüchten? Können Sie sich den 1. Mai auf Hiddensee aus der Vogelperspektive vorstellen? Die einzige Straße der Insel unter strahlend blauem Himmel mit Menschen, vereinzelt oder gruppenweise Richtung “Heiderose” marschierend – und am Bessinstrand Einwohner und Gäste, ihre nackten Brüste mit Nelken geschmückt? Auf beiden Seiten ein schöner Feier-Tag. Aber ebenso wird auch die Zäsur, die der Mauerbau 1961 darstellte, und die auch auf Hiddensee ihre Spuren hinterließ, immer wieder spürbar. Von da an nämlich wurde die DDR für die in ihr lebenden Menschen zwangsläufig zum Lebensmittelpunkt – im ganzen Land entstand eine Art Inselbewußtsein. Dadurch etablierte sich die Grundstruktur einer Identität. Es kam zu einer Aufwertung von Heimatgeschichte.
Schon im Kind sollte die Liebe zur Heimat und zur Natur geweckt werden. Der im Heimatkundeunterricht vermittelte Heimatbegriff förderte ein Stückchen Erdverbundenheit zutage, mit dem der Einzelne sich aufs engste verwoben fühlen sollte. Heimat mußte jedoch nicht mit dem Geburtsort identisch sein, viele definierten mit diesem Begriff eher ihren sozialen Lebensbereich.
Bei einem Teil der Bewohner der ‘Insel-Heimat’ DDR entwickelte sich ein Gefühl des Zurechtkommens, bei anderen eines der Zerrissenheit. Das Gegebene wurde in Frage gestellt, nach einer anderen Wirklichkeit wurde gesucht. Manch einer fand sie in der Privatsphäre, manch einer im Dagegenhalten, manch einer, indem er sich eine Nische suchte und manch einer eben auf Hiddensee.
Mit den hier zusammengetragenen Begebenheiten soll anhand persönlicher Erlebnisse eine DDR gezeigt werden, die mit ihrem Verschwinden eine Menge Diskussionen ausgelöst hat. Geblieben sind Geschichten, die der Vergangenheit angehören. Geschichten, die sich auch auf Hiddensee zugetragen haben.
Die unverwechselbaren, ganz persönlichen Lebensmomente sollen neugierig machen, im heiteren Erzählstil Schwächen bloßstellen, Identität zurückholen oder sich einer neuen Realität stellen.


Hiddensee – Versteckte insel im verschwundenen Land

ist eine Liebeserklärung an eine einzigartige Landschaft.
Diese winzige Ostsee-Insel, mit dem Gesicht zum Meer und dem Rücken zum Bodden, diese kleine Schwester Rügens, hat zu Zeiten der DDR ein ganz besonderes Image entwickelt. Hiddensee, das waren nicht enden wollende Sommer mit langen Tagen und kurzen Nächten. Das waren unerlaubte Feuer am Strand mit Leuten, die sich jedes Jahr hier trafen, um sich frei zu fühlen. Hiddensee, das waren schreibende Kellner, denen beim Servieren der nächste Vierzeiler über das Tablett huschte. Künstler, Maler, Prominente, die alle gleich nackt am Strand nach Muscheln suchten, nach Bernstein, nach der verlorenen Zeit oder dem verlorenen Glauben bei einem sehnsüchtigen Blick zur anderen Uferseite – nach Moen, dem anderen Leben, der anderen Welt.

In dem Buch werden 17 Frauen, bekannt als die sogenannten Malweiber portraitiert. Es werden Wege nach Ahrenshoop und nach Hiddensee aufgezeigt und vergessene Schicksale wieder ins Bewußtsein gerufen. Es gibt vom 1. Mai bis 31. Oktober im Hiddenseer Heimatmuseum eine Ausstellung zu den “Hiddenseer Impressionistinnen”, begleitend zur Ausstellung ist eine Karte erschienen.


Annett Gröschner

Annett Gröschner wurde 1964 in Magdeburg geboren. Sie veröffentlichte Gedichte, Romane, Reportagen, Dokumentarliteratur sowie Rundfunkfeatures und lebt als freie Autorin in Berlin. Sie wurde unter anderem ausgezeichnet mit dem Anna-Seghers-Stipendium der Akademie der Künste Berlin und dem Erwin-Strittmatter-Preis des Landes Brandenburg.



Buchauswahl

Als Annja ihren vermissten Vater tiefgefroren in seiner Kühltruhe findet, glaubt sie zu träumen: Die Truhe ist an keine Steckdose angeschlossen. Sollte es sich hierbei um das letzte Experiment ihres Vaters, eines Gefrierforschers, handeln? Oder gar um die Rache der SED-Bezirksleitung an dem sozialistischen Eigenbrötler? Annjas Suche nach den Hintergründen wird zu einer Reise in die Geschichte ihrer Familie, in der die Begeisterung für die Zustände rund um den Gefrierpunkt über Generationen vererbt worden ist. Denn Kälte ist nicht gleich Kälte, und Speiseeis nicht gleich Speiseeis – schon gar nicht in der DDR. Voller Erzählfreude hat Annett Gröschner ihre biografischen Erfahrungen als Mitglied einer Familie von manischen Gefrierforschern und Kühlanlagenkonstrukteuren zu Metaphern für das Leben in deutschen Landen vor und nach 1989 verdichtet.

Franz Jung war ein schwieriger Mann: zerstörerisch, entwurzelt, streng gegen sich und die anderen. Er war nicht nur Kommunist, Schiffsentführer, Literat und Börsenfachmann, er war unstet in seinen Liebesbeziehungen wie in seinen Wohnorten und Beschäftigungen. Annett Gröschner versetzt uns in die Kindheit seines Sohnes Peter im Berlin der 30er Jahre. Sie beschreibt die Stationen der Flucht vor den Nazis, die die Familie nach Genf, Wien und Budapest verschlägt, und schließlich in das New York der fünfziger Jahre, wohin Peter seinem Vater als 16jähriger folgte. Hatte Franz Jung seine Autobiografie “Der Weg nach unten” genannt, so ist der Werdegang Peter Jungs ein Weg nach oben. In New York löst er sich von der schwierigen Vaterfigur und beginnt sein eigenes Leben. Als Manager in der Ölbranche wird er ein Weltenbummler bleiben.


Annett Gröschner schreibt Geschichten über ihre Wahlheimat Berlin, Geschichten über Kneipen, die verloren gehen wie Handschuhe, über die Neue Mitte und die Neuen Mütter, aber auch über die Schorfheide, wo Göring sein monströses Carinhall bauen ließ. Sie schreibt die Geschichten Berliner Unternehmen oder Institutionen wie die Schultheiss-Brauerei, die Weddinger Schminkefabrik Kryolan oder die Rollende Roadschau bei Rotaprint. Ihre Reportagen berichten über groß angelegte Theaterprojekte in Kleingärten, bittere Bilanzen von Bauspekulationen und Zwangsumsetzungen zu Sanierungszwecken. Und immer wieder verwandelt sie mitgeschnittene Momentaufnahmen in literarische Miniaturen. 
So ist ein kritisches und doch zärtliches Porträt einer Stadt entstanden, in dem Gröschner vor allem auch die zu Wort kommen lässt, die sonst keine Stimme haben. Damit entgeht sie der Berlin-Klischee-Falle, folgt weder dem blinden Hype noch dem blinden Hass, sondern zeigt Berlin in seiner ganzen provinziellen Größe.