Entdeckungen, Sichten und Erfahrungen des Architekten
Ich „entdeckte“ das Gutshaus in Ehmkendorf vor ca. 20 Jahren bei Spaziergängen im Recknitztal. Damals fielen mir die kleinen Kunstwerke und Kerzen in dem Fenstern des Westflügels in dem ansonsten ziemlich heruntergekommenen großen grob verputzten schmucklosen grauen Kasten auf. Außerdem war ein kleiner liebevoller Garten mit einfachsten Mitteln um den Westflügel angelegt, während der große verwilderte Gutspark darum herum nur noch undeutlich erkennbar war in der sonst sich selbst überlassenen Natur.
Das Gutshaus durchlief genauso, wie die meisten dieser Gebäude zu DDR-Zeiten, die traurige Nutzungsgeschichte als enteignetes Notquartier für Flüchtlinge, Wohngebäude, Kindergarten, Konsum usw. Die Umbau- und Erhaltungsmaßnahmen der Zeit waren dementsprechend unsensibel, pragmatisch, notdürftig so das das Gebäude in den 90iger Jahren völlig herunter gekommen, teilweise verschwammt und feucht war – aber noch bewohnbar.
Nora Fischer kaufte das Haus in Etappen über mehrere Jahre scheibchenweise und zog von Berlin kommend 1990 in den Westflügel ein. Ohne ihr eisernes Ausharren in den phasenweise sehr kalten Räumen, ohne ihre liebevolle provisorische Inbeschlagnahme und Nutzung des gesamten Hauses über viele Jahre und ohne ihre Träume von einem Ort voller Charme, natürlicher Herzlichkeit, Kunst, Kultur und Kräutern wäre das Gutshaus Ehmkendorf wohl in den Wendejahren völlig verfallen.
Von den ersten gemeinsamen Gesprächen, Konzepten und Entwürfen im Jahr 1998 mit Nora Fischer und Siegfried Zuknik über Sanierungs- und Umbaumöglichkeiten und deren Kosten bis zum Baubeginn im Juni 2006 sollten noch einmal 8 Jahre vergehen. Diese waren geprägt von planerischen Änderungen, Anpassungen, vom Verhandeln und Ringen um Realisierung.
Diesmal galt dem eisernen Ausharren, nachdrücklichen Werben und trotz zahlreicher Rückschläge, dem weiteren Festhalten an den obengenannten Träumen, dem Dschungel der vorhandenen Fördermittel- und Finanzierungsstrukturen. Ohne die schon oben erwähnte Eigenschaft der herzlichen Beharrlichkeit wäre das Gutshaus spätestens hier die oben beschriebene graue schmucklose Kiste geblieben.
Ziel der im Jahr 2006 beginnenden Sanierungs- und Umbauarbeiten war es, in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege, die Fassade aus den Jahren 1864 -1867 wieder herzustellen. Dabei wurden, soweit möglich, die alten vorhandenen Kastenfenster aufgearbeitet oder ergänzt, die Schmuckgiebel Friese und Gesimse der Fassade wieder hergestellt. Vorbild hierfür waren historische Fotos sowie ein Gebäude-Modell welches die Bauherren, Jahre vorher auch als Werbung und Verdeutlichung ihres Zieles, anfertigen ließen. Die gewählte Fassadenfarbe entspricht einem historischen Befund.
Im Inneren des Hauses wurde in sehr enger Abstimmung mit den Eigentümern und Bauherrn ein Konsens aus drei Bestandteilen verfolgt:
Konsequente Aufarbeitung und Ergänzung der alten vorhandenen Türen, Wandvertäfelungen, inneren Fensterläden, alten Fußböden in den Sälen und einer Treppe trotz zum Teil nur noch fragmentarischem Bestand.
Die neuen Bauteile innen wurden in Material und Bauweise mit dem Ziel so erstellt, eine optimale Mischung aus Patina als positive Zeichen der Vergangenheit, frischen Farben, Kräuterdüften der umgebenen Natur sowie kleinen künstlerischen Details entstehen zu lassen.
Konsequenter Einsatz von ökologischen, natürlichen Baustoffen, einer guten Wärmedämmung sowie einer ökologischen Haus- und Heiztechnik.
Herausgekommen ist eine zu den Bauherrn und Betreibern und ihre Lebensweise genau passende Atmosphäre, die das große Gebäude sehr gastlich, warm und individuell wirken lässt. Vielleicht ist diese besondere Individualität der Schlüssel dafür, dass viele Gäste dieses Haus nicht als Pension oder Hotel empfinden, sondern gerade den .obengenannten individuellen Zauber schätzen.
Realisiert wurde die gesamten Bauarbeiten am Gutshauses Ehmkendorf ausschließlich mit ortsansässigen Firmen. Die Bauherrin realisierte parallel dazu mit einem eigenen kleinen Bauteam sehr wichtige Arbeiten im Außenbereich des Gebäudes und dem angrenzenden Parkbereich.
So konnten die gesamten Umbaukosten des Gebäudes mit ca. 800m² Nutzfläche inkl. Einrichtung, der großen Außenanlage und allen Nebenkosten überschaubar begrenzt werden.
Sebastian Graewe, Architekt, Kölzow
